„Lychener 64“ – Premiere beim „Achtung Berlin“-Filmfestival

20 Jahre nach der Wende gibt es immer noch vereinzelt unsanierte Häuser im größten Stadterneuerungsprojekt Europas, so das Haus in der Lychener Strasse 64 in Berlin Prenzlauer Berg – eines der letzten maroden Häuser im Kiez. Über zwei Jahre zeigt der Film die Bewohner im Haus und deren Lebensentwürfe und dokumentiert die Verhandlungen und Stimmungs-Schwankungen. Regisseur Jakob C. Rühle, die Mieterberaterin des Bezirks, die Anwälte der Betroffenenvertretung und die vom Senat beauftragten Vertreter der S.T.E.R.N. (Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung) begleiteten den Kampf und das Aufgeben der Hausgemeinschaft zwischen Kommerz und selbstbestimmtem Wohnen.

Die Bewohner der Lychener Strasse 64: Simone, Grafikerin und passionierte Sammlerin

Sie hat Erfahrung als Hausbesetzerin und lebt seit 1987 mit ihrem Sohn und acht Papageien (inklusive Fußbodenheizung in den Vogelkäfigen) in einer großen teilrenovierten Wohnung. Sie findet, dass sie super lebt und und ist wütend über das Gerede von Substandard: „…wenn mir irgendeiner erzählen will, dat ick schlecht lebe, kann ick nur sagen, der hat ’nen Ei uff die Kopp. Deswegen regt mich dit och jar nich‘ uff, wenn die zu mir sagen, ich lebe Substandard, weil ick immer noch der Meinung bin, dass ich besser lebe als sie…“

Rasta-Dread-Girl Sophie

Geboren im Prenzlauer Berg, machte während der Sanierung ihr Abitur. Sie mag das Haus, das sie fast zärtlich als schöne, alte Lady bezeichnet. Zusammen mit einer Freundin bewohnt sie die Zweiraumwohnung im vierten Stock, Vorderhaus, mit Kohleofen und Außentoilette. Am liebsten will sie raus aus Berlin, so kommt ihr die Sanierung gerade recht.

Karsten, Gastronom

Er hat seit 1984 sehr viel in die Renovierung seiner Wohnung investiert und somit mit Abstand die schickste Wohnung im ganzen Haus. Er empfindet seinen Abgang als schäbig. „Dass ich kein Wasser mehr habe, nervt.“

Viktor und Ljusik

Viktor ist Student und Gelegenheitsarbeiter aus der Ukraine. Die beiden hausen bis zuletzt auf der Baustelle. Die angebotene Ablöse-Summe von 10.000 Euro verliert er letztendlich durch sein Pokerspiel mit dem neuen Eigentümer. Er sieht das aber ganz locker, indem er sagt, er habe daraus etwas gelernt.

Judith und Viola

Die beiden Mädchen teilen sich die 5-Raum-WG, die schon seit Jahrzehnten mit wechselnden Bewohnern existiert. Pech für Viola, dass sie eine Frist von nur einer Woche zum Verlassen der WG hat, da sie über keinen offiziellen Mietvertrag verfügt. Doch die beiden Girls sagen den neuen Eigentümern trotzdem den Kampf an.

Robert und Herrmann, Architekt und Tänzer

Die beiden finden, dass die Zeit für Kämpfe vorbei ist, und wollen durch die Haussanierung bedingt in neue Freiräume schlüpfen.

Miete in der Lychener Strasse 64 nach Sanierung um Vierfaches gestiegen

Das Haus wurde seit seiner Erbauung 1903 nie grundlegend saniert. Die Filmemacher wohnten selbst dort. Als die Modernisierungsankündigung im Briefkasten lag, beschlossen sie, einen der letzten Sanierungsabläufe mit der Kamera als Zeitzeugen zu begleiten. Die alte Wohnung in der Lychener Str. 64 kostet inzwischen das Vierfache und die einstige Künstlergegend gilt seit Mitte der 2000er Jahre als kinderreichste Gegend der Stadt.

Der Kino-Dokumentarfilm „Lychener Str. 64“ eröffnete am 15.04.2010 mit über 700 Zuschauern das „Achtung Berlin“-Filmfestival und startet bundesweit am 22.04.2010 im Verleih der Sinafilm

Veröffentlicht am 2014-09-21, in Kino. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: