„Sehnsucht nach Liebe – Endstation Bahnhof Zoo“ (Buch) – Interview mit Jörg S.

Endstation Bahnhof Zoo: Wegen unerfüllter Sehnsucht nach Liebe verfällt das Kind Jörg S. zwei Jahre lang den pädophilen Freiern im West-Berlin der 1980er Jahre.

Unterernährt und vernachlässigt von der Mutter kommt Jörg mit drei Jahren in ein Heim. Sein Vater nimmt ihn nach einem halben Jahr zu sich. Das Kind erfährt dort materielle Zuwendung, aber keine elterliche Liebe, sondern körperliche und seelische Misshandlungen.

Von seinem 14. bis 16. Lebensjahr prostituiert sich Jörg auf dem (Drogen)-Strich am Bahnhof-Zoo, ohne selbst anfällig für Drogen zu werden, was seiner Schwester misslang, die an den Folgen ihrer Drogensucht verstarb. 

Das Buch „Sehnsucht nach Liebe – Endstation Bahnhof Zoo“ gliedert sich in drei Teile

  • Erzählt wird die tief ergreifende Leidensgeschichte des Kindes Jörg S. am Strich des berühmt-berüchtigen Bahnhofs in Berlin (empfohlene Altersfreigabe ab 14 Jahren).
  • Persönliche Gedichte und Texte spiegeln die verwundete Seele des Autors wider.
  • Antwortschreiben des Bürgermeisters von Berlin und zwei zur Thematik zuständigen Bundesministern runden das Buch ab.

Jörg S. schildert schonungslos, was pädophile Freier von den Kindern für sexuelle Handlungen verlangen. Er beschreibt das aus der Sicht des gequälten Kindes, das sich nicht wehren kann und sich durch die Prostitution in eine Phantasiewelt flüchtet. Die Lebensgeschichte des Stricherjungen fordert härteren Umgang mit Sexualstraftätern und ein genaues Hinschauen auf betroffene Kinder seitens des Rechtssystems.

Exklusives Interview mit dem Autor Jörg S.:

1. Jörg, du verarbeitest dein Kindheitstrauma im Buch „Sehnsucht nach Liebe“. Hat sich dadurch deine seelische Verfassung verändert?

Für mich veränderte sich einiges, insbesondere was meine seelische Situation betrifft. Ich fühle mich um ein großes Stück befreiter. Es ist wie das Gefühl eines ewig lange Gefangenen, der langsam den Weg der Freiheit betritt. Des weiteren schäme ich mich nicht mehr so sehr, wie ich es früher tat. Ich will mich auch nicht mehr schämen, wofür ich mich nicht zu schämen brauche. Ich fühle mich nicht mehr wehrlos, denn ich konnte mich nie als Kind wehren … Und dieses Buch gab und gibt mir eine größere innere Stärke.

2. Im Buch beschreibst du, dass es dir geholfen hätte, wenn Streetworker oder Polizei am Bahnhof-Strich arrangiert gewesen wären. Warum waren diese niemals dort? Woran liegt das?

Bei dieser Frage denke ich an einen Satz des Leiters von SUBWAY e.V., dem einzigen Verein in Berlin, der sich seit 1994 um die Jungs vom Bahnhof Zoo kümmert. Dieser Leiter sagte mir: „Jörg, Du gehörst zu der Generation der vergessenen Jungs vom Bahnhof Zoo“. Zu meiner Zeit als Kind, da wurde der Junge als Opfer von sexuellem Missbrauch, meiner Meinung nach, „übersehen“. Dies hat gesellschaftliche Gründe, denke ich, da ein Junge ein anderes Bild in der Gesellschaft widerspiegelt als ein Mädchen. Ein Junge wird oftmals als stark und nicht wehrlos angesehen. Dieses gesellschaftliche Denken war insbesondere in meiner Kindheit sehr ausgeprägt.

Die Polizei durfte, glaube ich, damals dort nicht eingreifen, weil sich der Bahnhof im Eigentum der Deutschen Reichsbahn, also dem Bahnbetrieb der ehemaligen DDR befand. Ein Westberliner Bahnhof, welcher unter Eigentum der DDR stand, ein Novum, und doch war es so.

Es gab nur vor dem Bahnhof Zoo damals oft einen Bus, aber es war ein Drogen-Bus. Für Drogenabhängige des Bahnhofs gedacht. Stricherjungs standen an unterster Stufe, was Prioritäten der Hilfe anbelangte, dies bestätigte mir auch der Leiter von SUBWAY e.V.

3. Dein Buch spiegelt deinen Schreibstil 1:1 auf deinen Wunsch ohne Lektorat. Du musstest dafür bereits bittere Kritik einstecken. Wie gehst du damit um?

Ja, das stimmt, es gab hierzu von drei oder vier Seiten aus Kritik.

Bei der einen Kritik, da wurde nur das Vorwort des Buches gelesen, bei einer anderen das ganze Werk.

Ehrlich gesagt, am Anfang verletzte mich diese Kritik. Doch letztendlich wuchs ich an dieser und kann im Heute besser damit umgehen. Für mich gibt es dabei diesen Leitsatz: „Bei Büchern ist es wie mit Menschen, man kann nicht alle mögen.“ So weiß ich verinnerlicht, dass es verständlicherweise auch Kritik an meinem Buch gibt und nicht jedem der Stil gefällt.

Ich weiß aus vielen Feedbacks der Leser meines Buches, dass das Buch genau so rüberkam, wie ich es schrieb: emotional, bewegend und berührend. Mein Buch bringt die Leser zum Nachdenken und schockiert bezüglich des Geschilderten meiner Kindheit. Dies genau war mir ein Anliegen: Ein Buch zu schreiben, welches authentisch zu 100 Prozent die Gefühle und Gedanken des Kindes so wie des Erwachsenen Jörg wiedergibt. Gerade bei einer solch grausamen Thematik empfinde ich dies als sehr wichtig. Und dies ist mir gelungen, denke ich.

Es gab erst ein Lektorat, doch dieses Lektorat wollte viele Passagen „beschönigen“, und da sagten dann meine Verlegerin und ich deutlich „No“. Sexueller Missbrauch sollte in meinen Augen deutlich zur Sprache gebracht werden, um darauf aufmerksam zu machen, wozu Pädosexuelle fähig sind.

So entschieden wir uns für ein gemäßigtes Lektorat, sprich nur Rechtschreibung und Grammatik wurden bearbeitet.

Jörg S.: Sehnsucht nach Liebe – Endstation Bahnhof Zoo. Lumen-Verlag 2008. Taschenbuch, 208 Seiten. Euro 9,95.

 

Veröffentlicht am 2014-09-21, in Interview. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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