Archiv der Kategorie: Kino

„Lychener 64“ – Premiere beim „Achtung Berlin“-Filmfestival

20 Jahre nach der Wende gibt es immer noch vereinzelt unsanierte Häuser im größten Stadterneuerungsprojekt Europas, so das Haus in der Lychener Strasse 64 in Berlin Prenzlauer Berg – eines der letzten maroden Häuser im Kiez. Über zwei Jahre zeigt der Film die Bewohner im Haus und deren Lebensentwürfe und dokumentiert die Verhandlungen und Stimmungs-Schwankungen. Regisseur Jakob C. Rühle, die Mieterberaterin des Bezirks, die Anwälte der Betroffenenvertretung und die vom Senat beauftragten Vertreter der S.T.E.R.N. (Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung) begleiteten den Kampf und das Aufgeben der Hausgemeinschaft zwischen Kommerz und selbstbestimmtem Wohnen.

Die Bewohner der Lychener Strasse 64: Simone, Grafikerin und passionierte Sammlerin

Sie hat Erfahrung als Hausbesetzerin und lebt seit 1987 mit ihrem Sohn und acht Papageien (inklusive Fußbodenheizung in den Vogelkäfigen) in einer großen teilrenovierten Wohnung. Sie findet, dass sie super lebt und und ist wütend über das Gerede von Substandard: „…wenn mir irgendeiner erzählen will, dat ick schlecht lebe, kann ick nur sagen, der hat ’nen Ei uff die Kopp. Deswegen regt mich dit och jar nich‘ uff, wenn die zu mir sagen, ich lebe Substandard, weil ick immer noch der Meinung bin, dass ich besser lebe als sie…“

Rasta-Dread-Girl Sophie

Geboren im Prenzlauer Berg, machte während der Sanierung ihr Abitur. Sie mag das Haus, das sie fast zärtlich als schöne, alte Lady bezeichnet. Zusammen mit einer Freundin bewohnt sie die Zweiraumwohnung im vierten Stock, Vorderhaus, mit Kohleofen und Außentoilette. Am liebsten will sie raus aus Berlin, so kommt ihr die Sanierung gerade recht.

Karsten, Gastronom

Er hat seit 1984 sehr viel in die Renovierung seiner Wohnung investiert und somit mit Abstand die schickste Wohnung im ganzen Haus. Er empfindet seinen Abgang als schäbig. „Dass ich kein Wasser mehr habe, nervt.“

Viktor und Ljusik

Viktor ist Student und Gelegenheitsarbeiter aus der Ukraine. Die beiden hausen bis zuletzt auf der Baustelle. Die angebotene Ablöse-Summe von 10.000 Euro verliert er letztendlich durch sein Pokerspiel mit dem neuen Eigentümer. Er sieht das aber ganz locker, indem er sagt, er habe daraus etwas gelernt.

Judith und Viola

Die beiden Mädchen teilen sich die 5-Raum-WG, die schon seit Jahrzehnten mit wechselnden Bewohnern existiert. Pech für Viola, dass sie eine Frist von nur einer Woche zum Verlassen der WG hat, da sie über keinen offiziellen Mietvertrag verfügt. Doch die beiden Girls sagen den neuen Eigentümern trotzdem den Kampf an.

Robert und Herrmann, Architekt und Tänzer

Die beiden finden, dass die Zeit für Kämpfe vorbei ist, und wollen durch die Haussanierung bedingt in neue Freiräume schlüpfen.

Miete in der Lychener Strasse 64 nach Sanierung um Vierfaches gestiegen

Das Haus wurde seit seiner Erbauung 1903 nie grundlegend saniert. Die Filmemacher wohnten selbst dort. Als die Modernisierungsankündigung im Briefkasten lag, beschlossen sie, einen der letzten Sanierungsabläufe mit der Kamera als Zeitzeugen zu begleiten. Die alte Wohnung in der Lychener Str. 64 kostet inzwischen das Vierfache und die einstige Künstlergegend gilt seit Mitte der 2000er Jahre als kinderreichste Gegend der Stadt.

Der Kino-Dokumentarfilm „Lychener Str. 64“ eröffnete am 15.04.2010 mit über 700 Zuschauern das „Achtung Berlin“-Filmfestival und startet bundesweit am 22.04.2010 im Verleih der Sinafilm

Ulrike Schirm aka Ulrike S. als „Die Alptraumfrau“ (1980/81, Lothar Lambert) im Kino

Als 1980 Bo Derek als „10 – Die Traumfrau“ in den Kinos lief, spielte „Die Alptraumfrau“ von Lothar Lambert („Tiergarten“) mit Ulrike S. alias Ulrike Schirm in der Hauptrolle ein Jahr danach auf Blake Edwards‘ Film an. „Die Alptraumfrau“ wurde auf Filmfestivals in Florenz, New York und Toronto aufgeführt und thematisiert die psychischen Probleme einer Mittdreißigerin, die sie mithilfe eines Psychiaters und Tabletten zu bewältigen versucht. Masochistische Sexphantasien und Gewalt in der Ehe sind die Auslöser für ihre Depressionen und Tagträume. Lambert zeigt eine Alptraumfrau auf der Suche nach sich selbst, wie 1997 auch „Sue – eine Frau in New York“.

Lothar Lambert spricht gerne von seinen Laiendarstellern, sind diese doch ziemlich professionell

Ulrike Schirm spielt „Die Alptraumfrau“ so innig und zerrissen, dass man mit ihr lacht und mit ihr weint. Tabu-Brüche: sich mit nackten Hintern auf der Straße zu zeigen, und sich ihrem minderjährigen Kind hingebend (man glaubte sich auf einmal in einem Tiere-Film wieder, wo das Kind die Mutter ableckt), wurden – wie auch die restlichen Szenen – in schwarz-weiß gefilmt. Viele der Akt-Aufnahmen sind dahingehend künstlerisch wertvoll, dass man den Film – wie seinen 1974er-Film „1 Berlin-Harlem“ mit Rainer-Werner Fassbinder, Ingrid Carven und Brigitte Mira – auch im MoMa (Museum of Modern Art) ankaufen müsste. Lothar Lambert dreht hauptsächlich mit Laiendarstellern, und jede Szene nur einmal – alles gefilmte wird verwendet. Das sieht man seinen Filmen nicht an. „Die Alptraumfrau“ ist auch Zeit-Dokument, so wurde vor der eingestürzten Berliner Kongress-Halle gedreht. Bei der aktuellen Berliner Aufführung war auch Dorothea Moritz anwesend, die eine Psychologin in „Die Alptraumfrau“ spielt. Lothar Lambert konnte wegen Rückenproblemen selbst nicht zur Vorstellung ins Berliner Bundesplatz-Kino kommen.

Madonna würde diesen Film mögen, aber sie wird ihn niemals sehen

Die für ihre Tabu-Brüche bekannte Madonna (sie spielte Ende der 70er Jahre selbst in Undergroundfilmen mit) würde Lothar Lamberts „Die Alptraumfrau“ lieben, doch wird sie diesen künstlerischen Film, der Teils in der Türkei gedreht wurde, nie sehen, da es ihn nicht auf DVD gibt. Von der Machart erinnert Lothar Lamberts bislang größter Filmerfolg an Undergroundfilme um Andy Warhols Factory und Paul Morrisseys nah an Pornographie grenzende „Flesh“ und „Trash“, ist aber strukturierter als diese, was signifikant am Buch, der Regie und am Schauspiel liegt. In der Mutter-Rolle der Alptraumfrau ist übrigens Lotti Huber zu sehen.

Ulrike S. live im Berliner Bundesplatz-Kino nach der Matinee zu „Die Alptraumfrau“:

Ulrike Schirm beim Publikumsgespräch: „Wenn ich den Film heute sehe, dann finde ich schon, dass er Längen hat. Manchmal saß ich da und dachte, „jetzt cut bitte, cut bitte! Muss das Lied bis zum Schluss durchgeorgelt werden?“ Also heute würde man sowas nicht mehr machen aber Lambert ist ein Schlagerfan und muss ein Schlager-Lied bis zum Schluss unterbringen. Meine Stimme ist in „Die Alptraumfrau“ sehr nölig, weil seine Kamera ziemlich laut surrte, so haben wir die Dialoge bei ihm auf der Couch eingesprochen. Ich lernte Lambert kennen, als ich mit Freunden überlegte, wie wir ein bisschen Geld verdienen können: Privat-Theater zu Hause, so eine Art Hexen-Prozess mit Kreuz und mit Priester. Das inserierten wir in der B.Z. und haben Hundert Mark Eintritt genommen. Es kamen vier oder fünf Männer, die bitter enttäuscht waren und Lambert hatte davon erfahren und fragte an, ob er das für seinen Film „Tiergarten“ drehen kann. Danach entstand „Die Alptraumfrau“.“

  • „Die Alptraumfrau“ wurde am 11. März 2012 im Berliner Bundesplatz-Kino im Matinee-Programm „Berlin-Filme“ wiederaufgeführt

Einer der schönsten deutschen Filme: „Fabian“ (Wolf Gremm, 1978)

Wer bisher dachte, Deutschlands erfolgreichste Filmproduzentin Professor Regina Ziegler sei nur durch ihre zahlreich produzierten TV-Filme bekannt, irrt sich, denn von den nahezu 500 Ziegler-Filmen sind bisher 54 Filme fürs Kino. Mit ihrem Ehemann Regisseur und Drehbuchautor Wolf Gremm produzierte Professor Regina Ziegler 1978 die Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ (Erich Kästner ist eine in Dresden geborene Schriftsteller-Legende, „Das fliegende Klassenzimmer“). Gremms „Fabian“ wurde als bester ausländischer Film für den Golden Globe und den OSCAR nominiert. Letzteren erhielt die Ziegler-Produktion „Korczak“, denn Andrzej Wajda wurde dafür 1990 mit dem Academy Award ausgezeichnet. Über Filmpreise muss sich Professor Regina Ziegler nicht beklagen, denn ihre Liste der Ehrungen ist überaus lang.

Auswahl der gewonnen Preise und der Ehrungen Professor Regina Zieglers:

  • International EMMY Award
  • Goldene Nymphe
  • Goldener Julius
  • Deutscher Fernsehpreis
  • Deutscher Filmpreis
  • Adolf Grimme Preis
  • Berlinale Kamera
  • Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
  • American Cinema Foundation Award („one of the world‘s key film producers“)
  • Innocence in Danger Award
  • Verdienstorden des Landes Berlin
  • Retrospektive im Museum of Modern Art New York

„Zu Gast im Filmkunst 66“ – Regina und Tanja Zieglers Reihe für Cineasten

Als Professor Regina Ziegler Anfang 2011 das Berliner Kult-Kino Filmkunst 66 gemeinsam mit ihrer Tochter Tanja übernahm, überlegten sie sich, was sie dort auf jeden Fall machen möchten und kamen zum Entschluss, nicht nur aktuelle „Super“-Filme zu zeigen, sondern auch Filme, die ihnen am Herzen liegen. So entstand die Reihe „Zu Gast im Filmkunst 66“, die bei den Zuschauern bereits sehr gut ankommt. Am 14. Dezember 2011 luden die Zieglers mit der Wiederaufführung eines Anfang der Achtziger Jahre erfolgreichsten deutschen Filmes „Fabian“ mit folgenden Gästen ins FK 66: Hauptdarsteller Hans-Peter Hallwachs („Der Stoff, aus dem die Träume sind“), Darsteller Gunter Berger („Didi auf vollen Touren“), der sich an seinen Filmsatz „Der Kanzler sagt: „Optimismus ist Pflicht!““ zurück erinnerte und der extra aus dem Krankenhaus angereiste Regisseur und Drehbuchautor Wolf Gremm („Der See der Träume“). Dieser erzählte, während der Entstehung des „Fabian“-Filmes drehte Rainer Werner Fassbinder „Alexanderplatz“ in Berlin. Fassbinder forderte Gremms Film-Team zum Fussballspielen heraus. Gremm war der einzige, der in seinem Team überhaupt Fußballspielen konnte (Torwart), so verloren sie mit 20:0. Später spielte Rainer Werner Fassbinder die Hauptrolle in Wolf Gremms Film „Kamikaze 1989“ (1982) – Fassbinders letzte Rolle vor seinem Tod im Juni 1982. Brigitte Mira, die ebenfalls in „Fabian“ mitspielt, besetzte Gremm in zwölf Fernsehfilmen, als Zwiespältige, denn „sie hatte ein „Psycho-Gesicht““.

Erich Kästners einziger Erwachsenen-Roman begeisterte Regina Ziegler bereits als Teenager

Professor Regina Ziegler erzählte im Filmkunst 66 die Vorgeschichte der Ziegler-Produktion „Fabian“ und wie dieser Film entstand. Als Fünfzehnjährige las sie den einzigen Erwachsenen-Roman Erich-Kästners – „Fabian“ – heimlich mit einer Taschenlampe unter ihrer Bettdecke, da sie eine sehr strenge Mutter hatte (die ihr niemals erlaubt hätte, in diesem Alter „Fabian“ zu lesen). Als 15jährige dachte sie sich folgendes: „Ich werde Filmproduzentin, und dann werde ich den Film mit Wolf Gremm machen, und wir werden Hans-Peter Hallwachs besetzen“ (Herzliches Lachen im Kino Filmkunst 66). Als sie sich 30 Jahre später mit Wolf Gremm Gedanken machte, warum dieser wunderbare Roman „Fabian“ bisher nie verfilmt wurde, fanden sie des Rätsels Lösung schnell: Kästner war sehr clever, denn er hatte die Rechte an diesem Roman seinen beiden Frauen hinterlassen: Der Geliebten und seiner Ehefrau! Alle Versuche, die beiden Damen zu einem „Ja“ zu bewegen, waren ihren Vorgängern nicht gelungen. Nach zwei Tagen schwerster Verhandlungen, rief Wolf Gremm Frau Ziegler an, mit der Freudensfest-Nachricht, denn beide verhassten Kästner-Damen unterschrieben, nachdem Gremm sie überzeugen konnte! Professor Regina Ziegler erzählte noch über das New Yorker Museum of Modern Art und was sie mit Wolf Gremm Ende der 70er Jahre in New York erlebte, erzählte sie nur Suite101.de-Redakteur Martin Döringer.

Martin Döringer: „Frau Professor Ziegler, verraten Sie mir, was sie vorhin aus Zeitgründen nicht erzählten, als sie mit „Fabian“ zu „United Artists Pictures“ nach New York gingen?“

Professor Regina Ziegler exklusiv zu Suite101.de: „Vor dem großen Gebäude der „United Artists Pictures“ in New York (wo man mich mit Wolf Gremm einlud, um über den Verleihvertrag zu sprechen) war ein Schuhputzer davor. Gremm ließ sich eine halbe Stunde die Schuhe putzen, weil er dachte, das bringt Glück. Und dann klappte alles mit dem Vertrag!““

Wolf Gremms „Fabian“ ist wegen durchgehender Perfektion jede einzelne Sekunde sehenswert!

Selten sieht man einen Kinofilm, der keine Längen birgt. Gremms „Fabian“ ist so einer, denn er besticht vor allem durch Kreativität und Vollkommenheit! Jeder Darsteller, bis hin zur kleinsten Nebenrolle, ist in „Fabian“ Ausdruck von gediegener Vollendung! Ausstattung, Drehorte, Schnitte, Kamera-Führung, Dramaturgie – bei „Fabian“ stimmt, fließt und harmoniert absolut alles miteinander und ineinander. „Fabian“ erzählt die satirische Geschichte Berliner Zustände in der Weimarer Republik Ende der 20er Jahre. Als um 1930 die Weltwirtschaftskrise ausbricht, wird der 32jährige Germanist Dr. Jakob Fabian (Hans-Peter Hallwachs), der als Adressenschreiber und Zigarettenreklame-Texter arbeitete, arbeitslos. Er besucht Etablissements für sexuell Abartige und säuft mit Journalisten, viele der Arbeitslosen sind zu dieser Zeit gepflegt, gestylt (Hut, Anzug, polierte Schuhe), die Frauen fast alle Prostituierte. Jakob Fabians einzig wahrer Freund Literaturwissenschaftler Labude (Hermann Lause, „Schtonk!“) sorgt aufgrund eines tragischen Witzes für viel Dramatik. Von der Machart erinnert Wolf Gremms „Fabian“ an Fassbinder-Produktionen – mit dem Unterschied, dass Gremms filmische Umsetzung des Erich-Kästner-Romanes mit unvorhersehbarem Ende viel besser und perfekter ist, als irgendein Fassbinder-Film.

„Fabian“ von Wolf Gremm wurde am 14. Dezember 2011 im Filmkunst 66, Bleibtreustraße 12, 10623 Berlin, wiederaufgeführt und erschien am 08. November 2004 als DVD bei Universum Film GmbH.

Wiederaufführung nach 20 Jahren: „Tiergarten“ von Lothar Lambert

Die grüne Lunge Berlins ist der Tiergarten, weltbekannt durch den Berlin-Marathon, die Love-Parade, Fan-Meile (Fußball-Weltmeisterschaft) und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Vor 32 Jahren filmte der in Berlin ansässige Thüringer Underground-Regisseur Lothar Lambert im Tiergarten den gleichnamigen Film über Randgruppen unserer Gesellschaft. Dabei handelte es sich um Bi- und Homosexuelle, Drogensüchtige, psychisch Gestörte, Prostituierte, Behinderte, Ausländer und frustrierte Hausfrauen.

„Tiergarten“ ist das Lambert-Debüt von Ulrike S., der Ex-Königin des Underground“

„Tiergarten“ wurde mit minimalem, von Lambert privat aufgebrachten Budget gedreht und ist Ulrike S.‘ (Ex-„Königin des Undergrounds“) erste Rolle in seinen Werken, die auch Kult-Stars wie Jim Jarmusch, Klaus Nomi, Brigitte Mira und Rainer Werner Fassbinder als Darsteller enthalten. Letztere sind in Lamberts Film „1 Berlin-Harlem“ als Protagonisten zu sehen, den das Museum of Modern Art (MoMA) in New York ankaufte. Lothar Lambert drehte seit 1971 36 Underground-Filme, die er nahezu rundweg aus eigener Tasche finanzierte. Unabhängig, denn er war nicht nur Regisseur und Produzent, sondern auch Verleiher, Tonmann, Cutter, Kameramann, Darsteller und Drehbuchautor.

„Tiergarten“-Inspiration basiert auf Sexualmord einer Kabarettistin der „Stachelschweine“

Die Inspiration zu „Tiergarten“ basiert auf den Sexualmord an einer Kabarettistin von den Berliner „Stachelschweinen“, die dort nachts an der Tiergartenschleuse des Landwehrkanals erdrosselt wurde. Beate Hasenau spielt die Rolle dieser Frau, die dort Männer aufreißt und im Gebüsch vernascht. Vermischt werden diese Szenen mit Dokumentaraufnahmen, wie die Feuerwehr eine Leiche aus dem Wasser holt. Lamberts dienstälteste Dauer-Darstellerin ist Erika Rabau – auch als Fotografin sehr bekannt – sie ist seit 1972 offizielle Bilddokumentatorin für die Berlinale. Dorothea Moritz, die beim „Achtung Berlin“-Festival ihren Dokumentarfilm „Die Mauertänzerin“ vorstellte, ist in Lamberts „Tiergarten“ in einer Nebenrolle zu sehen.

Tiergarten wird für frustrierte Hausfrau Ort der Sehnsucht nach Liebe

Dagmar Beiersdorf spielt in „Tiergarten“ eine verdrossene Hausfrau, die durch ihre Spaziergänge durch den Tiergarten zu Gedichten inspiriert wird. Diese Gedichte hatte Beiersdorf selbst geschrieben und in einem Buch mit Holzschnitten publiziert. Als die Hausfrau vom Sexualmord im Tiergarten erfährt, zieht es sie auch nachts dorthin, denn sie sucht im Tiergarten die Liebe, die sie zu Hause nicht bekommt.

Hexen- & Schwarze-Messe-Performances fanden wirklich statt

„Tiergarten“ ist wie ein Zeitdokument – vom „alten (West)-Berlin“, wie nach der Wiederaufführung schwärmerisch erzählt wurde. Der im Film gezeigte „Hexenprozess“ fand wirklich statt, Ulrike S. inserierte dafür in der Zeitung. Mit Steven Adamczewski, Bildender Künstler, der in „Tiergarten“ einen Penner spielt, machte sie zusammen mit H.W. Kurth und Roland Stoos vor zahlenden Gästen eine Art Schwarze-Messe-Performance, in der Wohnung von Adamczewski.

Lothar Lamberts „Tiergarten“ ist sehr kreativ inszeniert

Äußerst kreativ ist Lamberts Film „Tiergarten“. Was andere Kritiker als Belichtungsfehler sehen, lässt dem Zuschauer Raum für eigene Fantasie. Die erotische Attraktivität, die südländische Ausländer einst auf alt eingesessene West-Deutsche hatten, wird in „Tiergarten“ groß thematisiert. Die aus dem Off ertönenden Dialoge geben „Tiergarten“ mit Ulrike S.‘ („Die Alptraumfrau“) abschließender „wie Gott sie schuf“-Performance den letzten Schliff zum teils schockierenden Berliner Kult-Film „Tiergarten“.

„Tiergarten“ von Lothar Lambert vom 8. – 14. September 2011 täglich um 20 Uhr und vom 16. bis 21. September täglich um 18 Uhr im Brotfabrikkino, Caligariplatz 1, Berlin-Pankow

„Mauerpark“ Dokumentarfilm von Dennis Karsten, neu im Kino

Berliner erinnern sich ans Niemandsland. Auch „Kein-Berliner“ Wladimir Kaminer („Russendisko“) kommt zu Wort. Er findet, dass die Berliner „nichts aus ihrer Geschichte machen. Die Vietnamesen zum Beispiel, bauten ihre unterirdischen Gänge nach und vergrößerten sie. Viele Amerikaner interessieren sich für die Details des vietnamesischen Krieges, also fliegen sie nach Vietnam und wollen auch diese unterirdischen Tunnel besichtigen, die vietnamesische Soldaten damals gruben. Diese amerikanischen Touristen passen natürlich nicht in diese Tunnel hinein, weil sie ja für vietnamesische Soldaten gegraben wurden. So haben die Vietnamesen die Tunnel vergrößert, mit Imbissbuden ausgebaut – für Amerikaner vertraut – damit sie sich unter der Erde nicht sehr fremd fühlen. Und das funktioniert! Das ist ein richtiger Umgang mit der Geschichte des eigenen Landes. Was machen die Deutschen? Die bauen alles ab, schmeißen die Steine weg, und tun so, als wäre nie etwas gewesen.“

Mauerpark – Kultureller Schmelztiegel unterschiedlichster Couleur

Trubel, Trompeten, ausländische Künstler, die den Mauerpark malen, heimische Sonnenanbeter, Ex-Marzaner-Basketballer, Shisha-Raucher – der Mauerpark ist inzwischen internationaler Treffpunkt unterschiedlichster Leute, verschiedenster Couleur geworden, „Digitale Bohemians“, „Urbane Penner“ – manche bezeichnen sich selbst als Straßenköter, deren Rudel der Mauerpark ist. Anfangs gab es im Mauerpark Interessenkonflikte, doch in den letzten Jahren hatte sich alles wunderbar vermengt. Trommler, Tänzer, Griller, der sonntägliche Flohmarkt, indische Hippies, türkische Rapper, Feuer-Künstler, Abend-Romantik und das überaus beliebte Sonntags-Karaoke – ein Massen-Event von Joe Hatchiban. Der Mauerpark ist international schwer angesagt, so einen kunterbunten Park gibt es nicht in London und auch nicht in Paris!

Mauerpark – Punker jongliert mit Doktor und Professorin

Regisseur Dennis Karsten filmte den Mauerpark zu allen Tageszeiten. Morgens, wenn die Flohmarkt-Verkäufer ihre Verkaufsstände aufbauen, Künstler ihre Stein-Skulpturen bauen, Punker (die zusammen mit Doktoren und Professoren aus München jonglieren), Akrobaten, Verliebte, Party-People, die vom Feiern abchillen, der Mauerpark von Oben – kunterbunte Menschen, – Typen – , wie in einem Ameisenhaufen – der schottische Dudelsack fehlt natürlich auch nicht. Artistik, Yoga und Musik spielen im Mauerpark eine ganz große Rolle, diese körperliche Betätigung formt den Geist und den Spirit des Mauerparks! Abends darf man sich nicht wundern, sieht man Weiße zu afrikanischen Stamm-Tänzen ausflippen, zum Music-Cocktail aus Saxophon und Getrommle. Und echte Mauerpark-Ameisen werden zum Ende des Filmes auch noch abgefilmt!

„Fuck for Forest“ – Rettet die Natur!

„Mauerpark“ enthält ein interessantes Interview über „Fuck for Forest“. Dabei handelt es sich um eine erotische Webseite, deren Basis eine Naturschutz-Organisation ist. Die alternativen Betreiber suchen nach Leuten, die Nacktfotos machen, Sexfotos oder Sexvideos und dadurch Geld sammeln, um die Natur zu schützen. Im Mauerpark finden sie neue Leute zum flirten, da dort eine nette Atmosphäre herrscht. Dr. Motte („Loveparade“-Gründer), der „hinter den Plattenspielern sterben“ möchte, legt neuerdings open air im Mauerpark auf und auch DJ Tanith schlendert hindurch. Die Mauer, die den Park von der Max-Schmeling-Halle trennt, dient Graffiti-Künstlern als Open-Air-Leinwand. Alles sehr schnelllebig, denn so ein Kunstwerk hält sich zirka drei Tage, bevor es mit einem neuen übermalt wird. Wenn man Pech hat, einen Tag – wenn man Glück hat, eine Woche. Leider wird der Platz, auf dem der beliebte Wochenend-Flohmarkt stattfindet, demnächst mit einer Häuserwand bebaut, so dass neben den Bars und Imbissständen auch das abendliche Sonnenuntergangs-Panorama des Mauerparks entrinnt.

„Mauerpark“ ist ein liebevoll gezeichnetes Portrait über das Herzstück aus Berlin

Der „Mauerpark“-Soundtrack stammt komplett aus dem Mauerpark. Dennis Karsten interessieren Außenseiter, Menschen außerhalb der Norm. „Dort ist die letzte Freak-Oase im Prenzlauer Berg”, sagt Karsten. “Sonst ist die alternative Szene weggezogen und hat den Prenzlauer Berg verlassen.“ (Quelle: Bier statt Blumen). Poetisch gelingt es ihm, den Charme, den der Mauerpark im Prenzlauer Berg versprüht, mit all seinen herrlichen Besuchern – vom Freak zum Touristen, bis hin zu seinen anderen Bewohnern: Insekten und Nebelkrähen (die Hundewiese wurde ausgelassen) – altruistisch zu porträtieren. Besonders!

  • „Mauerpark“ startet am 07. Juli 2011 im Verleih der Filmblut Production, vorerst im Berliner Lichtblick und Central Kino, Freiluftkino-Vorführungen sind geplant
  • Premiere am 06. Juli 2011 im Central Kino Berlin

„Bibliotheque Pascal“ – Thema Menschenhandel ab 09.06.11 im Kino

Um das Sorgerecht für ihre dreieinhalbjährige Tochter Viorica (Lujza Hajdu) zurück zu erlangen, muss Mona (Orsolya Tötök-Illyés) beim Jugendamt vorsprechen, dem eine Klage der Kinder- und Jugendhilfe vorliegt. Sie gab das Kind in die Obhut ihrer Wahrsager-Tante Rodica Paparu (Oana Pellea) und diese die Verantwortung für die Kleine auf; sie soll sich an dem Kind bereichert, ihm sogar Alkohol verabfolgt haben! Viorica steht kurz vor der Freigabe zur Adoption. Es beginnt eine surreale Reise; Mona erzählt, weshalb sie die Verantwortung für ihr Kind aufgeben musste.

Mona wird von traum-projezierenden Mörder schwanger

Ein halbes Jahrzehnt zuvor bereitete Mona eine Dorffest-Feier vor. Es herrschte abgehobene Stimmung, doch Eifersucht kommt auf, die in einer Schlägerei endet. Monas Boss, der Bürgermeister, kündigt ihr bärbeißig die Stelle. Mit ihrem Tanzpartner zieht sie weiter aufs Land und mit der ersten Mitfahrgelegenheit ans Meer. Am Strand schrecken neben ihr plötzlich ein Kopf und eine Pistole aus dem Sand hervor. Dieser Mann, Viorel (Andi Vasluianu), befiehlt der erregten Mona, sein Gesicht mit ihren Kleidungsstücken zu verdecken, da er von der Polizei gesucht wird. Nachts gehen die beiden vom Strand auf einen nahe gelegenen Campingplatz, wo er sie als seine Geisel festhalten will. Viorel verprügelte einen homosexuellen Mann, der an seinen Verletzungen verstarb. Als Mona in der Nacht heimlich flüchten will, geschieht etwas Surreales: der Raum wird in goldenem Licht erleuchtet. Die Tapete löst sich von den Wänden, Schmetterlinge fliegen. Sie sieht sich mit Viorel an einem geschmückten Tisch sitzen, beide mit Blumenkränzen vor ihren Köpfen – können sie ihre Blicke nicht voneinander wenden, sie in Tracht, er wie ein Torrero gekleidet. Mona sah alles, was er träumte! Viorel schwängert sie, bevor ihn die Polizei am Tag darauf erschießt.

Monas Vater verkauft sie an Frauenhändler, sie wird verschleppt

Bunte Gauklerfeste sind von nun an Monas Leben. Sie wird Märchenerzählerin in einem Puppentheater. Ihr Vater kreuzt auf, erzählt ihr, sein Arzt habe einen Tumor in seinem Kopf gefunden und er müsse nun für eine Operation nach Deutschland. Sie soll ihn begleiten, während ihre Tochter bei der Wahrsager-Tante in Obhut kommt, doch Monas Vater verkauft sie an Frauenhändler, die sie nach Liverpool verschleppen. Mona landet im als literarisches Café getarnten Luxus-Bordell Bibliothèque Pascal, wo Bordellchef Pascal (Comedian Shamgar Amram) sie als „heilige Johanna“ in seinen „Themen-Zimmern“ anschaffen lässt. Sie wird mit Lautsprechern beschallt und muss Dialoge aus englischen, literarischen Werken auswendig lernen, denn ihre Kundschaft erregt Inszenierung, Literatur. Latex, Staubsauger, hoch gebildete Leute, Heroin, Schauspieler – sie erklärt dem Jugendamt den Dunstkreis der Bibliothèque Pascal – Jean d’Arc, Lolita, Don Juan, Othello, Desdemona oder Pinocchio – und wie ihr als „tote Domina“ von zwei in Lack gekleideten Männern die Luft mit einem Staubsauger abgesaugt wird – komplett in eine Vakuummatratze eingewickelt. Abartigkeit!

Ihr Berater vom Jugendamt glaubt kein Wort, als sie die Geschichte mit der Traum-Projektion der Tochter erzählt, die das Talent von ihrem Vater erbte. Wunderschöne, traumhafte, aber auch abschreckende Bilder schafft Regisseur Szabolcs Hajdú in seinem kunstvollen Sozialdrama-Fantasie-Märchen „Bibliothèque Pascal“, das auf einer fast zwanzigseitigen Kurzgeschichte basiert und die Hauptdarstellerin (seine Ehefrau) als „schwächsten Charakter“, als „schwarzes Loch“ darstellt. Er liebt das.

„Bibliothèque Pascal“ startet bundesweit am 09. Juni 2011 im Verleih der Camino Filmverleih

„Beginners“ – Coming out im Rentner-Alter

Die Gedanken des Hundes werden als Untertitel eingeblendet – Gott sei Dank äußert er sich nicht zu Szenen wie „Opa auf House-Music-Partys“ – doch „Beginners“ hat neben Humor auch viele intime Momente. Wenn Sohn Vater nass-rasiert. Sohn Vater auf den Mund küsst – oder Vater Sohn gesteht: „Oliver, ich bin schwul!“ Mit diesem Satz wirbelt Hal (Christopher Plummer, „Priest“) das Leben seines Sohnes Olivers (Ewan McGregor, „I love you Phillip Morris“) wenige Jahre vor seinem Tod gewaltig durcheinander.

Sohn trifft nach Krebstod des geouteten Vaters große Liebe

Nachdem Hals Frau nach 45 Ehejahren verstarb, outet sich der 75-Jährige und verbringt den Rest seiner Tage hemmungslos mit seinem wesentlich jüngeren Lover Andy (Goran Visnjic). Vater und Sohn bringt dies näher zusammen als je zuvor. Oliver lernt durch das späte Verhalten Hals alles mit Courage, Witz und Zuversicht anzugehen und nach dem Krebstod des Vaters seine neue Liebe Anna (Mélanie Laurent, „Die Kinder von Paris“) kennen.

Regisseur Mike Mills erzählt zwei Geschichten zwischen Realität und Fiktion

Regisseur Mike Mills (Moby-Video „Run on“) legt nach seiner ungewöhnlichen Komödie „Thumbsucker – Bleib wie du bist“ (Tilda Swinton, Keanu Reeves) die nächste liebenswerte Geschichte vor. „Beginners“ ist das Coming out seines Vaters. Sein Leben mit 75 Jahren grundlegend zu verändern, war für Mike Mills gleichzeitig opak und peinigend, sehr humorig und zutiefst fantastisch. Ehrlichkeit, Offenheit, Veränderungen traten genau da ein, als Mills sie am wenigsten erwartete. Sein Vater war mit 75 Jahren wie ein Teenager, ein manischer, nach dem Leben greifender. In „Beginners“ werden Hals neue Identität und Krankheit thematisiert, sowie Olivers neue Emotionen für die temperamentvolle französische Schauspielerin Anna nach dem Tod des Vaters. Im Hinblick auf seinen Vater sagt Mike Mills: „Ich habe mit einem Mann gelebt, dessen Biografie teilweise selbst eine Fiktion und eine Art Performance war. Einige sehr persönliche, intime Aspekte seines Lebens musste er verstecken. Er lernte eine Rolle, die er dann die meiste Zeit seines Lebens gespielt hat“ (Quelle: Presseheft).

Themen wie Krankheit und Tod werden mit Humor aufgepeppt

Wie bei „Joschka und Herr Fischer“ wird in „Beginners“ anhand Schautafeln informiert, wer zu welchem Jahrzehnt Präsident war, wie wann geküsst wurde, welche Autos man fuhr, wie die Sonne und Sterne 1955 im Vergleich zu 2003 aussahen und so weiter – eine langsamere Erzähl-Weise wie bei „Trainspotting“, doch mindestens genauso cool und passend. Themen wie Krankheit, Tod, entsetzliche Schicksale und mühsame Beziehungen – sie werden mit Zuversicht und Spaß, mit Jazz-, Bach-Musik aufgepeppt und unterstrichen. Abschied, Wiederanfang, Traurigkeit, magische Kraft der Änderung – leise Töne, Humor. Überwältigend und ohne Kitsch umgesetzt; „Beginners“ ist wegen Ewan McGregors („Velvet Goldmine“) verständnisvollem Spiel ein sehr lebendiger Film des amerikanischen Independent-Kinos – wenn auch teils traurig stimmend ist dieser sehr sehenswert und nachwirkend.

„Beginners“ startet bundesweit am 09. Juni 2011 im Verleih von Universal Pictures

„Metropolis“ – Restaurierter Stummfilm-Klassiker neu im Kino

Es gibt Filme, die muss man gesehen haben. Fritz Langs „Metropolis“ ist einer davon! Hirn und Hände gehören zusammen und dazwischen muss das Herz liegen – um das zu erkennen, bedarf es in der Stadt Metropolis Sklavendienste in der Unterstadt, während die Oberstadt sich amüsiert, einen von Erfinder Rotwang konstruierten Roboter und das Verhindern der Stadt-Überflutung. Was am Ende siegt, ist die Macht der Liebe!

Oberstadt und Unterstadt unterscheiden sich wie Tag und Nacht

Johann „Joh“ Fredersen (Alfred Abel) regiert im „Neuen Turm Babel“ die Ober- und Unterstadt. Seiner Meinung nach ist er als Herrscher das Hirn und andere Menschen sind lediglich Werkzeug, ausführende Hände. Die Oberstadt ist in Besitz der Mächtigen und Reichen, die sich in einem gigantischen Sportstadion vergnügen und in den „Ewigen Gärten“ umschwärmt werden. Joh Fredersens Sohn Freder (Gustav Fröhlich) verliebt sich in die sanftmütige Schönheit Maria (Brigitte Helm), die in der Arbeiterstadt lebt. Er begleitet sie in ihre unterirdische Welt und berichtet seinem Vater geschockt von dem unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Unterwelt. Von da an lässt Fredersen seinen Sohn beschatten. Es bahnt sich eine Revolte der Arbeiter an.

Die schöne Maria soll durch eine Roboter-Frau ersetzt werden

Fredersen lässt einen Roboter anfertigen; die schöne Maschinenfrau soll anstelle der sanftmütigen Arbeiterführerin Maria antreten. Doch der Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) sinnt insgeheim auf Rache, er will die falsche Maria einsetzen, um die Stadt und Fredersens Sohn zu vernichten, deshalb entführt er Maria, um ihre Gestalt auf den Maschinenmenschen zu übertragen. Der Unterstadt droht Überflutung, denn die Herzmaschine wird zerstört. Freder und Maria können das Schlimmste noch verhindern, doch es geht nicht für alle Beteiligten gut aus.

Fritz Langs „Metropolis“ – bis heute eine kreative Inspirations-Quelle

Fritz Lang wagte nach „Die Nibelungen“ (1924) ein extravagantes Experiment. Der aufwändige Film kostete sechs Millionen Reichsmark und brachte die Produktionsfirma UFA somit an den Rand des Ruins, denn er hatte beim ersten Kinoeinsatz keinen Erfolg. Nur 15.000 sahen den Film in den ersten vier Monaten. Das hatte zur Folge, dass die Produktionsfirma „Metropolis“ kürzte und umschnitt. Anfangs von den Kritikern missachtet, fasziniert Fritz Langs Meisterwerk nunmehr seit acht Jahrzehnten Kritiker, Wissenschaftler und Fans. Madonnas teuerste Musikvideoproduktion zu „Express yourself“ basiert auf Fritz Langs futuristischen Stadtkulissen aus „Metropolis“, ebenso wie Videos von Lady Gaga, und Shakespears Sister tritt aktuell als die herzlose Robotor-Frau von „Metropolis“ in ihren Bühnen-Shows auf. Hit-Produzent Giorgio Moroder brachte 1984 eine eingefärbte 80-Minuten-Version von „Metropolis“ ins Kino, die mit modernen Popsongs (Bonnie Tyler, „Here she comes“, Freddy Mercury, „Love kills“, Pat Benatar „Here’s my heart“) unterlegt wurde. Das neue Publikum brachte schließlich eine Restaurierung des Originals in Gang. Aber auch für Kino-Filme ist „Metropolis“ eine Inspirations-Quelle, wie für die Bebilderung George Lucas’ „Krieg derSterne“, Ridley Scotts Tyrell Corporation Center in „Der Blade Runner“, Indiana Jones’ Abenteuer, Tim Burtons Gotham City in „Batman“ oder die künstliche Stadt in Alex Proyas’ „Dark City“.

Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung realisierte Restaurierung

Der Fund von Buenos Aires ermöglichte der Murnau-Stiftung die fast komplette Fassung wieder auf die Leinwand zu bringen, denn in Argentinien wurde auch die ungekürzte Ursprungsversion von „Metropolis“ aufgeführt, eine Sicherheitskopie auf 16-mm-Negativ von der stark beanspruchten Nitro-Kopie schlummerte noch dort im Museo del Cine Pablo C. Ducros Hicken – und keiner erkannte den Wert, bis Paula Félix-Didier die Leitung übernahm und sich mit Deutschland in Verbindung setzte. Der 84 Jahre alte Film ist der bisher einzig deutsche Film, der ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen wurde, auf eine Stufe mit der Gutenberg-Bibel und mit Goethes Nachlass gestellt. Die wiederentdeckten Teile, etwa 25 Minuten lang, unterscheiden sich trotz modernster Restaurierungs-Technik enorm zu der restaurierten Version von 2001. Das hat allerdings auch den Vorteil, das man die bisher noch nie gesehenen Szenen erkennt. Viele Szenen mit Maria und den Kindern fielen der Schere zum Opfer. Außerdem erfährt man mehr über die Beziehung von Joh Fredersen zu Rotwang und Szenen mit „dem Schmalen“ (Fritz Rasp) der bisher nur seltsam am Rande stand. Es ist ein absolutes Erlebnis „Metropolis“ auf der großen Leinwand zu sehen und spannend mit den nie zuvor gesehenen Szenen. Ein ganz großes Film-Highlight! Kino-Geschichte made in Germany!

„Metropolis“ (Urfassung von 1927) startet am 12. Mai 2011 bundesweit im Verleih der Warner Bros

„Fliegende Fische müssen ins Meer“ – Meret Beckers Kino-Comeback

Roberta (Meret Becker, „Comedian Harmonists“) lebt mit ihren drei Kindern – jedes von einem anderen Mann – in einem kleinen Dorf, nahe der deutsch-schweizerischen Grenze am Hochrhein und arbeitet dort als so etwas wie eine „Hostess“, Reisebegleitung, mit riesigem Tattoo auf dem Oberarm, kurzem Rock und langen Beinen. Während die Mutter sich kopflos in neue Liebesabenteuer stürzt und wie ein pubertierender Teenager Madonnas „Like a Virgin“-Musicvideoclip lebt, muss ihre 15jährige Tochter Nana (Elisa Schlott, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“) sich um alles andere kümmern, arbeitet auch noch als Schleusen-Wärterin beim Wasserkraftwerk, übernimmt instinktiv die Mutter-Rolle und muss die eigene Mutter ermahnen, dass diese gefälligst verhüte! Es ist eine Frage der Zeit, bis Robertas Männergeschichten zu einer Katastrophe führen. Das Jugendamt droht, die Kinder in ein Heim zu stecken.

Nana verliebt sich in älteren Arzt, der eigentlich die neue Vaterrolle spielen soll

Roberta will sich bessern, einen geregelten Job suchen und den Männern abschwören. Die Kinder ahnen bereits, dass sie diese Bürde nicht lange durchhält und suchen nach einem Mann und Ersatzvater. Das gestaltet sich als schwierig, weil es in dem Provinzkaff keine große Auswahl gibt. So fällt die Wahl auf den neu zugezogenen Arzt Eduardo (Barnaby Metschurat, „Anatomie 2“), der bisher nur Gichtfinger und Allergien kennen lernte. Er erkennt Nanas innere Einsamkeit und hilft ihr, den Traumberuf zur Schiffskapitänin weiter zu spinnen. Sie verliebt sich selbst in den viel älteren Mann, doch Roberta warnt den Dorf-Arzt: „Man spielt nicht mit Gefühlen, nur weil einem langweilig ist. Wenn Sie meiner Tochter das Herz brechen, reiße ich Ihnen die Eier ab!“

Gottes-Statue muss helfen – Roberta landet beim Frauenchor

Robertas heimliche Freundin ist eine in der Wiese stehende, meterhohe Marien-Statue, zu der sie immer heimlich geht, sie anbetet und sich emotional ausheult. Als Opfergabe erhält die heilige Maria einen Cowboyhut oder – auch wenn Heilige kein Hängebusen-Problem haben – einen rosa BH. Zur Selbsthilfe tritt Roberta dem „Bachforellen“-Frauenchor bei, dessen Motto „Wahre Schönheit kommt von außen“ ist. Kleidung und Stimmung: Ton in Ton und Robertas Vorsingen wird als „Singen wie der liebe Gott auf Extasy“ bewertet. Als die neue Bachforelle neben den Tratschweibern durch Kleinanzeigen auch noch OFI-Bekanntschaften (Ohne Finanzielle Interessen) macht, lernt sie folgendes: „Man muss die Welt nur einmal aus einer anderen Perspektive anschauen, schon ist alles anders“ und „Jeder Mensch hat sieben Talente. Große und kleine. Wollen wir miteinander essen gehen und über deine Talente reden?“ Man landet an der Bar, wo kurz darauf auch die Tochter abstürzt (witzig inszeniert) und die Mutter mit ihrem Verhalten und neuem Aussehen als Vamp erniedrigt. Hallelujah! Nana ist frustriert und fragt sich ernsthaft, warum sie als Baby nicht im Krankenhaus vertauscht wurde, damit jemand anders dieses Leben lebt und ob es eine erbärmlichere Person in diesem Universum gibt, als sie es ist. Harte Worte – sie sagt ihrer Mutter direkt ins Gesicht: „Ich will nicht werden wie du!“

Mutter rettet Tochter vor dem Suizid

Es folgt ein Suizid-Versuch, ein Sprung ins eiskalte Wasser, mit der Hoffnung, dass dann endlich Ruhe wäre. Schöne Unterwasser-Szenen, Mutter rettet Tochter, romantisch gefilmt: wie zwei Meerjungfrauen. Nana lässt es keine Ruhe, was aus ihr geworden wäre, wenn eine andere Mutter sie geboren hätte, doch die Antwort steht in den Sternen, und die sind weit weg.

„Fliegende Fische müssen ins Meer“ – traumhaftes Unterhaltungs-Kino!

Güzin Kars schweizerisch-deutsche-Ko-Produktion „Fliegende Fische müssen ins Meer“ ähnelt in der Erzählweise Hans-Christian Schmids „Nach fünf im Urwald“ und in der farbenfrohen Ausstattung Laurent Tirards „Der kleine Nick“. Auch der urwüchsige Humor ist diesen Film-Perlen ähnlich. Die in der Schweiz lebende türkische Regisseurin Güzin Kar (Drehbuch-Autorin von „Die Wilden Hühner“) gewann als bisher einzige Autorin zweimal den Drehbuchpreis der Schweizerischen Autorengesellschaft SSA. Sie ist Farbfetischistin und legt in ihrer ersten Kino-Dramödie Wert auf Farben-Sättigkeit, einer Mischung aus Bonbontüte und Pillenschachtel und auf das Privileg zum Träumen, wie es das in Filmen wie „Mermaids – Meerjungfrauen küsst man nicht“ oder „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ ist. Güzin Kars Kino-Debüt „Fliegende Fische müssen ins Meer“ lässt sich mit diesen Hollywood-Produktionen messen, denn in ihrer temporeichen 84-Minuten-Filmlänge wurde alles unwichtige weggelassen – somit sind keine beißenden Längen enthalten, es kommt für den Zuschauer keine nagende Langeweile auf. Meret Becker, selbst Mutter einer Tochter, spielte zuletzt in Til Schweigers „Kokowääh“ eine wichtige, aber kleine Kino-Hauptrolle. In „Fliegende Fische müssen ins Meer“ kann sie ihre Spielfreude voll ausleben, größtenteils in Teenager-Verhalten plätschern und nach Kult-Filmen wie „Kleine Haie“ und „Rossini“ wieder in einer interessanten, großen Kinofilm-Rolle glänzen. Auch Newcomerin Elisa Schlott, die für „Draußen am See“ den Förderpreis Deutscher Film erhielt, spielt ihre facettenreiche Rolle der Tochter Nana natürlich und ungekünstelt. Alles in allem sehr beachtlich und herzerfrischend!

„Fliegende Fische müssen ins Meer“ startet am 25. August 2011 bundesweit im Verleih der Movienetfilm

„Joschka und Herr Fischer“ ein Film von Pepe Danquart

Was eine „spielwütige“ Schauspielerin wie Katharina Thalbach in einer Politiker-Dokumentation verloren oder zu suchen hat, bleibt nach wie vor fraglich. Aber bitte, die Frau zuerst: Katharina Thalbach. Sie war sich nicht zu schade für eine lächerliche Statisten-Rolle in Til Schweigers „Kokowääh“-‚Film‚, machte sich unfreiwillig zum Gespött als Französin mit Ossi-Dialekt in „Hanni & Nanni“ und setzt in „Joschka und Herr Fischer“ noch eins drauf, indem sie dummes Zeug erzählt.

Katharina Thalbach bräuchte dringend eine lange Aus-Zeit

Sie mag ja „im besseren Deutschland gelebt“ haben, die Nazis warenihrer Ansicht nach nur in West-Deutschlands Politik überall präsent“„alles gehört allen“-Schwärmereien. Genau genommen lebte Thalbach zu DDR-Zeiten in beiden Teilen Deutschlands. Manchmal glaubt man, sie schaue öfters zu tief ins Glas, wenn sie sich fächernd, auseinander gegangen aus dem Bild bewegt, um sich im berüchtigten Plänterwald abfilmen zu lassen und hilflos grinst, wie jemand, der am Burnout-Syndrom leidet. Bemitleidend sieht man sich die Schauspielerin als unpassende Zeitzeugin und Störfaktor an – schön ist es nicht und vor allem fragt man sich wieder, was Thalbach mit einem Dokumentarfilm über Joschka Fischer zu tun hat. Gab es da etwa ein Verhältnis zwischen den beiden? Oder weil Schauspiel von Politik leider nicht allzu weit entfernt liegt?

Joschka Fischers frühe Jahre – alles andere als rosig

„Wir waren arm und es war herrlich“ – Joschka Fischers Leben wird auf TV-Tafeln in Rückblenden gezeigt. Ungarisch-Deutsch – zwei verschiedene Dialekte – zwei verschiedene Küchen. Die Kindheit voll von Vertreibung, im Junge-Union-Millieu groß geworden. In der fünften Klasse sitzen geblieben, ein „fauler Hund“ – unmotiviert. Nach einem Jahr Fotografen-Lehre beendete er diese mit zwei Sätzen und zugeschlagener Tür. Vietnam war für ihn ein riesiger Schock, da er die Amis immer als die „Good Guys“ sah. Studium – ohne eingetragen zu sein. Joschka Fischer, Überwinder der eigenen Angst, kündigte seinen Job aufgrund einer Bild-Schlagzeile: „Genießt den Sommer, er ist so schön“, denn Gewalt produziert eine Fratze. Rückzug als Taxifahrer. Die Buntheit des menschlichen Lebens machte ihn zum Realisten. Ein Herr zu Guttenberg würde bei diesem Lebenslauf die Schamesröte nie wieder aus dem Gesicht bekommen.

„Der Mensch ist gut, Verhältnisse sind schlecht. Also verbessert die Verhältnisse.“

Politisches Himmelfahrtskommando; Joschka Fischers Englisch reichte nicht für Interviews aus, er hatte das Gefühl eines gefangenen, wilden Tieres: „Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Alles!“ Der Sponti und 68-Aktivist wurde hessischer Umweltminister in Turnschuhen und deutscher Außenminister im Anzug. Regisseur Pepe Danquart (erhielt 1994 den OSCAR für seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“) wollte mit „Joschka und Herr Fischer“ zu seiner Seele, dem unterhaltsamen, politischen Film zurückkehren. Interessant für politisch Interessierte, dennoch ist diese Dokumentation nicht mehr als ein provokanter Politiker inmitten von videoinstallationsartigen Arrangements, durch Projektionen auf Glasscheiben projiziertes „bereits oft gesehenem Zeugs“.

„Joschka und Herr Fischer“ startet bundesweit am 19. Mai 2011 im Verleih der X-Filme Creative Pool