Wiederaufführung nach 20 Jahren: „Tiergarten“ von Lothar Lambert

Die grüne Lunge Berlins ist der Tiergarten, weltbekannt durch den Berlin-Marathon, die Love-Parade, Fan-Meile (Fußball-Weltmeisterschaft) und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Vor 32 Jahren filmte der in Berlin ansässige Thüringer Underground-Regisseur Lothar Lambert im Tiergarten den gleichnamigen Film über Randgruppen unserer Gesellschaft. Dabei handelte es sich um Bi- und Homosexuelle, Drogensüchtige, psychisch Gestörte, Prostituierte, Behinderte, Ausländer und frustrierte Hausfrauen.

„Tiergarten“ ist das Lambert-Debüt von Ulrike S., der Ex-Königin des Underground“

„Tiergarten“ wurde mit minimalem, von Lambert privat aufgebrachten Budget gedreht und ist Ulrike S.‘ (Ex-„Königin des Undergrounds“) erste Rolle in seinen Werken, die auch Kult-Stars wie Jim Jarmusch, Klaus Nomi, Brigitte Mira und Rainer Werner Fassbinder als Darsteller enthalten. Letztere sind in Lamberts Film „1 Berlin-Harlem“ als Protagonisten zu sehen, den das Museum of Modern Art (MoMA) in New York ankaufte. Lothar Lambert drehte seit 1971 36 Underground-Filme, die er nahezu rundweg aus eigener Tasche finanzierte. Unabhängig, denn er war nicht nur Regisseur und Produzent, sondern auch Verleiher, Tonmann, Cutter, Kameramann, Darsteller und Drehbuchautor.

„Tiergarten“-Inspiration basiert auf Sexualmord einer Kabarettistin der „Stachelschweine“

Die Inspiration zu „Tiergarten“ basiert auf den Sexualmord an einer Kabarettistin von den Berliner „Stachelschweinen“, die dort nachts an der Tiergartenschleuse des Landwehrkanals erdrosselt wurde. Beate Hasenau spielt die Rolle dieser Frau, die dort Männer aufreißt und im Gebüsch vernascht. Vermischt werden diese Szenen mit Dokumentaraufnahmen, wie die Feuerwehr eine Leiche aus dem Wasser holt. Lamberts dienstälteste Dauer-Darstellerin ist Erika Rabau – auch als Fotografin sehr bekannt – sie ist seit 1972 offizielle Bilddokumentatorin für die Berlinale. Dorothea Moritz, die beim „Achtung Berlin“-Festival ihren Dokumentarfilm „Die Mauertänzerin“ vorstellte, ist in Lamberts „Tiergarten“ in einer Nebenrolle zu sehen.

Tiergarten wird für frustrierte Hausfrau Ort der Sehnsucht nach Liebe

Dagmar Beiersdorf spielt in „Tiergarten“ eine verdrossene Hausfrau, die durch ihre Spaziergänge durch den Tiergarten zu Gedichten inspiriert wird. Diese Gedichte hatte Beiersdorf selbst geschrieben und in einem Buch mit Holzschnitten publiziert. Als die Hausfrau vom Sexualmord im Tiergarten erfährt, zieht es sie auch nachts dorthin, denn sie sucht im Tiergarten die Liebe, die sie zu Hause nicht bekommt.

Hexen- & Schwarze-Messe-Performances fanden wirklich statt

„Tiergarten“ ist wie ein Zeitdokument – vom „alten (West)-Berlin“, wie nach der Wiederaufführung schwärmerisch erzählt wurde. Der im Film gezeigte „Hexenprozess“ fand wirklich statt, Ulrike S. inserierte dafür in der Zeitung. Mit Steven Adamczewski, Bildender Künstler, der in „Tiergarten“ einen Penner spielt, machte sie zusammen mit H.W. Kurth und Roland Stoos vor zahlenden Gästen eine Art Schwarze-Messe-Performance, in der Wohnung von Adamczewski.

Lothar Lamberts „Tiergarten“ ist sehr kreativ inszeniert

Äußerst kreativ ist Lamberts Film „Tiergarten“. Was andere Kritiker als Belichtungsfehler sehen, lässt dem Zuschauer Raum für eigene Fantasie. Die erotische Attraktivität, die südländische Ausländer einst auf alt eingesessene West-Deutsche hatten, wird in „Tiergarten“ groß thematisiert. Die aus dem Off ertönenden Dialoge geben „Tiergarten“ mit Ulrike S.‘ („Die Alptraumfrau“) abschließender „wie Gott sie schuf“-Performance den letzten Schliff zum teils schockierenden Berliner Kult-Film „Tiergarten“.

„Tiergarten“ von Lothar Lambert vom 8. – 14. September 2011 täglich um 20 Uhr und vom 16. bis 21. September täglich um 18 Uhr im Brotfabrikkino, Caligariplatz 1, Berlin-Pankow

Veröffentlicht am 2014-09-21, in Kino. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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